• Joerg Nicht

Aus Autos werden Gesichter

Als ich vor knapp acht Jahren anfing, bei Instagram den Hashtag #asundaycarpic unter meine Auto-Fotos zu setzen, ging es mir darum, sie leichter wiederzufinden. Damals postete ich mindestens drei Bilder pro Tag, also 21 in der Woche. Mit bestimmten Hashtags konnte ich den Überblick behalten.

Havanna - Wo Oldtimer alltäglich sind

Nach einiger Zeit benutzten auch andere User den Hashtag #asundaycarpic; inzwischen hat er weit über 130.000 Einträge. Das ist sicherlich nicht viel im Vergleich zu Hashtags wie #love. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass die Zahl sogenannter Vintage Cars begrenzt ist. Und daran, dass #love nicht nur am Sonntag zu sehen ist.


Ich schaue regelmäßig, welche Bilder mit dem Hashtag #asundaycarpic versehen werden. Das mache ich meist von meinem Account @thesundaycarpic, auf dem ich derzeit Beiträge anderer Accounts reposte. Die Bilder, die unter dem Hashtag zu finden sind, sind ganz unterschiedlich. Einige Bilder deuten darauf hin, dass man das Konzept „Oldtimer“ sehr frei interpretieren kann.


Der Hashtag wird aber nicht nur für Autos genutzt, sondern auch, um Personen zu markieren. Das macht das Durchschauen etwas mühselig. Die Hashtag-Kategorie „Top“ nutze ich schon lange nicht mehr, da mir der Algorithmus hier eine recht eigenwillige Auswahl von neuen und alten, manchmal auch sehr alten Posts vorschlägt. Das Verhältnis von alten und neuen Posts ändert sich ständig. Gerade werden mal wieder einige neuere Beiträge angezeigt. Allerdings gilt das nicht für jeden Hashtag.


In der Regel nutze ich die Hashtag-Kategorie „Aktuell“, in der die neuesten (also zuletzt geposteten) Beiträge zuerst angezeigt werden. Vor drei Wochen konnte ich jedoch beobachten, dass nicht mehr die Reihenfolge der Postings entscheidend war, sondern ein bunter Mix angezeigt wurde. Mal ein gerade eben gepostetes Bild, daneben eins von vor fünf Stunden, daneben wiederum ein vor wenigen Minuten gepostetes und dann wieder eins, das drei Tage alt war. Neben dem zeitlichen Durcheinander gab es noch etwas anderes, das mich verwunderte: Nur auf einem Drittel der angezeigten Bilder waren Autos zu sehen, ansonsten – neben Landschaften und Texten – Personen.

#asundaycarpic

Der Algorithmus, so mein Eindruck, bewertete nicht nach Aktualität, sondern nach Relevanz. Dementsprechend bevorzugte er einige Beiträge gegenüber anderen, um das Versprechen von Instagram wahr zu machen und mir das beste aller möglichen Nutzungserlebnisse zu bieten. Schließlich kennt mich der Algorithmus besser als irgendjemand sonst, mich selbst eingeschlossen. Vielleicht war das der Grund, weshalb ich eine Auswahl von jungen Frauen, Männern in geselliger Runde und Affen angezeigt bekam.


Mittlerweile erfolgt die Anzeige in der Kategorie „Aktuell“ wieder chronologisch. Aber das Durcheinander hat mich doch etwas stutzig gemacht. Deshalb habe ich mich mir mal die Explore-Seite etwas genauer angeschaut. Welches Nutzungserlebnis bietet mir der Algorithmus dort? Neben Inneneinrichtungen und Landschaften bekomme ich das Video einer jungen Dame angezeigt, die damit beschäftigt ist, sich ihre Pickel auszudrücken. Wow!

Die Explore-Seite

Noch „relevanter“ wird es, wenn man nach Orten sucht. Unter dem Geotag Berlin finde ich beispielsweise die Ankündigung für ein Event, einen Post der lokalen Eishockey-Mannschaft und eine junge Frau, die eine Papiertüte von der Kamera weghält. War es wirklich das, was ich sehen wollte?

Der Instagram-Geotag Berlin

Um den irritierenden Eindruck zu vervollständigen, empfehle ich Euch, nach dem Hashtag #Berlin zu suchen. Mit über 40 Millionen Einträgen ist er sehr beliebt. Was seht Ihr dort so? Ich bekomme gerade (Stand: 19.01., 12.40 Uhr) einen Hund angezeigt, der Hindernisse überwindet. Berlin, war das nicht einmal eine Stadt? Ja, auch Stadt gibt es zu sehen. Zunächst einmal ein Bild aus ... Neapel! Aber der 18. und der 25. Post sind dann tatsächlich Bilder der Stadt Berlin, hochgeladen von Repost-Accounts.



Eine Kritik an Sozialen Netzwerken im Allgemeinen und an Instagram im Besonderen lautet, dass eine Blase erzeugt wird: Ich sehe nur das, was ich sehen möchte, und lerne nichts Neues kennen. Diesen Vorwurf kann man, wie man sieht, Instagram so nicht machen. Dem Auto-Nerd werden eben nicht nur Autos gezeigt, sondern auch schöne Gesichter. Diese Leistung sollte man nicht geringschätzen. Und ja, ich mag Katzen sehr. Aber Hunde sind doch auch ganz nett, wie ich bei meiner Suche im Hashtag #Berlin lerne. Und selbstverständlich kann man das Gesicht einer Stadt anhand der Gesichter von Menschen zeigen. Wenn man eine Person fragt, weshalb sie eine bestimmte Stadt so gern mag, ist die Antwort oft: „Die Leute dort sind so freundlich.“ Über die Einwohner Berlins hört man diesen Satz vielleicht nicht so oft. Aber der Mensch macht eine Stadt erst zur Stadt. Das weiß man auch bei Instagram.


Wie ist Eure Meinung dazu? Wie seht Ihr das? Schreibt mir eine E-Mail oder hinterlasst einen Kommentar.

(c) 2015-2020 by jn

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