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Far away, so close

In der kleinen Empfangshalle des Stockholmer Fotografiska-Museums stauen sich die Menschen. Ist es hier immer so voll? Das wäre toll und ein Indiz dafür, dass sich viele Leute für Fotografie und Fotodesign interessieren. Als ich mir die vielen Besucher*innen etwas genauer anschaue, denke ich: Nicht nur viele, sondern auch ganz unterschiedliche Leute kommen hier her. Wenn man die aktuellen Ausstellungen betrachtet, ist das vielleicht nicht weiter verwunderlich, denn sie decken ein breites Spektrum an Themen und Stilen ab. Gezeigt werden momentan u.a. Werke des jungen schwedischen Fotodesigners Erik Johansson, der US-Amerikanerin Alex Prager, der eritreisch-schwedischen Fotografin Malin Fezehai, des 69-jährigen finnischen Fotografen Pentti Sammallahti und eine Gruppenausstellung über das Leben in den nordischen Ländern.


Die Hauptausstellung widmet sich dem Künstler Erik Johansson und trägt den Titel Places Beyond. Mithilfe von Photoshop schafft er hyperrealistische Traumbilder: Ein Bahnhofsgebäude steht auf Schienen; mitten in einem skandinavischen Wald führt eine Rolltreppe in die Tiefe; an einer riesigen Felseninsel, auf der Häuser stehen, graben Bagger. Die Bilder spielen einerseits mit unseren Erwartungen, indem sie das Unerwartete zeigen und damit zum Nachdenken einladen. Einige Bilder sind außerdem als Illustrationen gegenwärtiger Probleme zu verstehen.


Die zahlreichen Bilder sind in großen Formaten gedruckt, sie wollen überwältigen. Die Aufnahmen, aus denen die Bilder zusammengesetzt sind, fertigt Johansson, wie aus einigen Making Offs hervorgeht, selbst mit einer Hasselblad an. Die Qualität der Aufnahmen ist entsprechend hoch. So entsteht ein hyperrealistischer Eindruck, ähnlich wie bei Computerspielen.


Johanssons Phantasmen wirken auf mich abgeschlossen, wie auf dem Bild, in dem ein Mann auf einer Leiter aus dem Wasser steigt. Im oberen Teil des Bildes sieht man den unteren Teil des Körpers, wie er gerade in die Wolken bzw. durch die Wasseroberfläche nach oben steigt. Sind wir in einem Kreis gefangen? Beim Gang durch die Ausstellung frage ich mich, wie Johansson die Bilder konstruiert. In einem Video ist zu sehen, wie eines der Bilder entsteht. Zu sehen ist ein Mann in einem Boot, vor dem große, zersplitterte Glasflächen liegen, die in einen See übergehen.


Die großen Formate und das spektakuläre, technisch aufwendige Fotodesign ziehen zurecht sehr viele Zuschauer in die Ausstellung. Mir hätten weniger Bilder gereicht, vielleicht auch in kleinerem Format.


Im zweiten Stock des Fotografiska werden derzeit vier Ausstellungen gezeigt, von denen mir zwei besonders gefallen haben. Die erste, Welcome Home, widmet sich der US-Amerikanerin Alex Prager. Gezeigt werden 12 Fotografien, eine Skulptur und ein Film. Bei den Fotos handelt es sich überwiegend um Gruppenportraits, wobei die einzelnen Personen in diesen Bildern atomisiert und einsam wirken. Pragers psychologisierender Blick seziert die Einsamkeit in der Masse: Großstädter wissen, dass die Einsamkeit inmitten der vielen Menschen am größten sein kann. Bei Pragers Bildern kommt hinzu, dass jeder einzelne ein „Abbild“ der Individualisierung darstellt. Während Johansson zum Beispiel ein Bild geschaffen hat, auf dem ein junger Mann in hunderten verschiedenen Posen zu sehen ist, sind bei Prager unterschiedliche Menschen zu sehen, die jeweils Typen repräsentierten. Sie scheinen nach individuellem Glück zu streben, sie schauen sich einen Kinofilm an oder tragen einen überdimensionierten Cola-Becher – noch größer als die, die üblicherweise verkauft werden.

Frau im Wasser

Farblichkeit und Lichtstimmung der Bilder erinnern mich an Gemälde von Edward Hopper. Das Zuhause (Home) scheint ein apokalyptischer Ort zu sein, wobei die Einzelnen von der Apokalypse keine Notiz nehmen.


In einem Raum ist ein siebenminütiger Film zu sehen, in dem einige der Bilder aus der Ausstellung auftauchen. Der Film besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil fährt ein Mann durch Los Angeles und sieht eine Frau, die im zweiten Teil vom Bürgersteig verschluckt wird. Sie gerät in einen freien Fall und landet schließlich in einer Art Dschungel. Die Dschungelszene stellt sich im dritten Teil als Film heraus, der in einem Kino läuft. Die Frau tritt aus dem Film heraus und verlässt dann das Kino, das bereits in der ersten Einstellung zu sehen war.


Pragers Bilder und der Film sind detailreich und technisch auf höchstem Niveau. Die Bilder erinnern nicht nur an das Werk Edward Hoppers, sondern spielen auch auf die Bildproduktion Hollywoods und die Ikonographie der kapitalistischen Warenwelt an. Die Wucht beziehen diese Werke vor allem daraus, dass Prager dunkle Seiten in die (sonnigen) Szenen bringt. Die Protagonisten sehen oft nicht ängstlich aus, sondern irritiert – so als wüssten sie nicht, was mit ihnen oder um sie herum passiert.


Die zweite Ausstellung, Distant Land, ist dem Fotografen Pentti Sammallahti gewidmet. Gezeigt werden Schwarzweiß-Fotografien, die in den letzten 50 Jahren entstanden sind und keine Titel tragen. Erwähnt werden nur der Ort der Aufnahme und das Aufnahmejahr. Es handelt sich oft um Aufnahmen im Schnee, was nicht verwundert, weil sie in Finnland, in der Sowjetunion bzw. Russland aufgenommen sind. Aber es sind auch Fotos aus Bulgarien, Rumänien und Estland darunter. Gruppiert sind die Bilder nach Themen, nicht nach Orten. So wird deutlich, dass Pentti Sammallahti bestimmte Motive seit den 1970er Jahren fotografiert. Hunde etwa kommen in einer Vielzahl von Bildern vor. Immer wieder gelingen ihm dabei Aufnahmen von Tieren in witzigen Posen, etwa von einem Hund, der sich streckt und dessen Rücken eine schiefe Ebene bildet unterhalb eines schief stehenden Baumes.


Für seine Fotos nutzt Sammallahti oft Weitwinkel-Objektive. Er ist damit einerseits ganz nah dran am Geschehen, während andererseits Objekte im Hintergrund optisch weiter entfernt und distanziert erscheinen. Sammallahtis Fotos sind exzellent komponiert. Besonders gelungen ist die Aufnahme einer Kurve, in deren Scheitel ein Weg abzweigt. Auf der Straße fährt ein LKW und im Hintergrund ist besiedelte Landschaft zu sehen. Eine einfache Szene, die durch die Komposition eine starke poetische Wirkung entfaltet. Ich erinnere mich an ähnliche Kurven und Landschaften, die ich gerade wegen ihrer Einfachheit nicht fotografiert habe – sie erschienen mir nicht interessant genug. Genau das gelingt Sammallahti aber: im Unspektakulären, Einfachen eine existentielle Dimension einzufangen.


Die Ausstellung zeichnet sich durch die teilweise sehr kleinen Bilder aus. Gerade im Vergleich zu den überwältigenden Formaten von Johansson und Prager entsteht bei Sammallahti eine intime Atmosphäre. Manche Aufnahmen sind kaum größer als ein Smartphone-Bildschirm. Interessant ist, dass viele Fotos in einem extrem breiten Format gezeigt werden. Diese Präsentationsform ist für Betrachter, die meist auf Smartphone-Bildschirme schauen, ziemlich ungewohnt, obwohl sie der menschlichen Wahrnehmung eigentlich näher kommt. Welche Wucht solche Querformate entfalten können, gerade auch, wenn sie vergleichsweise klein sind, kann man in dieser Ausstellung bewundern.

Sammallahtis Fotografien zeigen eine ferne Welt, die es heute nicht mehr gibt – schneebedeckte Felder, kaum Autos, Menschen, die einsam in der Landschaft oder an den Orten wirken. Johanssons Bilder zeigen hingegen eine Traumwelt, in der die Naturgesetze nicht gelten. Mitunter beziehen sie sich auf den Zustand unserer realen Welt, doch in der Mehrzahl konstruieren sie Fluchträume, in die man sich hinein imaginieren kann. Nicht zuletzt strotzen sie nur so vor Farbe und Präsenz. Pragers Werke sind mit ähnlichem Aufwand inszeniert. Im Unterschied zu Johansson kreiert Prager aber nicht Traumlandschaften, sondern schafft ein Psychogramm der weißen amerikanischen Mittelschicht in all ihrer Verlorenheit und Einsamkeit.


So unterschiedlich die Ausstellungen auch sind, so spannend sind sie gerade in ihrer Kombination. Eine echte Entdeckung und mein persönlicher Favorit sind die Fotos von Pentti Sammallahti, der mir in seiner Haltung, seiner Arbeitsweise und der genutzten Optik am nächsten ist.

Information:


Das Fotografiska ist ein Fotomuseum in Stockholm. Es ist untergebracht in einem alten Hafengebäude und verfügt über keine eigene Sammlung. Gezeigt werden Wanderausstellungen renommierter Fotokünstler*innen sowie selbst kuratierte Ausstellungen. Seit letztem Jahr gibt es auch in Tallinn und New York Filialen.


  • Erik Johansson: Places Beyond 6. Dezember 2019 bis 1. März 2020

  • Alex Prager: Welcome Home 22. November 2019 bis 8. März 2020

  • Pentti Sammallahti: Distant Land 22. November 2019 bis 8. März 2020

Eintritt: 170 SEK, Studierende/Senioren: 140 SEK (nur Kartenzahlung)