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Mann mit Zigarre


Wo sind die Männer und Frauen geblieben, die angerannt kommen, wenn ich mit einer Kamera auftauche? Im Juli 2017 konnte ich ihnen in Havanna kaum entgehen. Sie hatten faltige, vom Leben gezeichnete Gesichter. Ihr Geschäftsmodell war einfach: Fotografiere mich mit Zigarre und spende mir ein paar CUC, die Devisenwährung auf Kuba.

Da das Foto eines Zigarre rauchenden Menschen in Havanna als Sehenswürdigkeit einen ähnlichen Stellenwert zu haben scheint wie der Eiffelturm in Paris, waren offenbar genug Touristen bereit, dafür zu zahlen. Und die Raucher*innen waren Profis: Die Pose des Rauchenden konnten sie perfekt einnehmen. Ernst schauten sie in die Kamera.

Im Mai 2018 scheinen sie verschwunden zu sein. Mir ist jedenfalls nur eine Frau aufgefallen, die an einem Morgen um die Ecke bog und mich fragte, ob ich sie fotografieren wolle. Wo sind die anderen? Vielleicht sei ich nur nicht an den richtigen Stellen gewesen, antwortet mir ein Bekannter auf meine Frage. Er vermutet, sie hätten ein einträglicheres Geschäft gefunden als mit Zigarre zu posen.

Aus den Antworten des Bekannten kann ich nicht schließen, ob er das ernst meint. Ich traue mich auch nicht weiter zu fragen, auch weil ich eigentlich interessanter finde, von wem ich in welcher Situation angesprochen werde. So öffnet der Granma-Verkäufer, nachdem ich eine Weile an der Kreuzung gestanden habe, seine Tasche und deutet auf die Zigarren. Junge Frauen laufen mir hinterher, um mir „Massagen“ anzubieten. Und immer wieder werde ich gefragt, ob ich aus Spanien oder Frankreich komme. Nein, aus Deutschland, erwidere ich kurz. Darauf höre ich: "Hallo! Alles klar? Alles paletti?"

Dann sehe ich einen alten Mann, der eine Zigarre im Mund hat - und der mich nicht beachtet. Er trägt eine Tüte und läuft vorbei. Stehen geblieben bin ich an dieser Hausecke, weil ich fasziniert bin von den blauen Kolonnaden, die Rahmen bilden. Mit ihrer Hilfe versuche ich alte Autos zu rahmen, die vor der in alt-rosa gestrichenen Hausfassade vorbeifahren. Das ist gar nicht so leicht, weil die Autos an der Ampel kurz anhalten und dadurch viel zu dicht beieinander stehen, um einzeln fotografiert zu werden.

Spannend ist diese Hausecke aber vor allem, weil viele Menschen vorbeikommen. Eine Mutter läuft zügig mit einem kleinen Kind über die Straße. Junge Menschen eilen vorbei. Und eben dieser alte Mann kommt die Kolonnaden entlang. Es ist ein Ort, an dem ich auch nicht angesprochen werde; fast meine ich als Straßenfotograf hier zu verschwinden, nicht sichtbar zu sein.

Ich drücke den Auslöser für dieses Bild, als der Kopf des Mannes schon fast vollständig vor der blauen Säule zu sehen ist. Hinter dem Mann befindet sich dadurch der Rahmen mit einem alten Auto. Ich begradige und beschneide das Foto nur leicht, belasse den Raum auf der rechten Seite. So läuft der Mann aus dem Bild. Doch die Farben und vor allem das Auto erlauben es, das Bild in Havanna zu verorten.

#Havana #Cuba #StreetPhotography