• Joerg Nicht

Fotos der Woche

Soziale Netzwerke wie Instagram sind vor allem als Selbstdarstellungsplattformen erfolgreich. Trotzdem gibt es auf ihnen auch fotografisch noch immer eine Menge zu entdecken. Ich schaue mir täglich viele Postings an und markiere sie mit "Gefällt mir". Aber an welche Fotos erinnere ich mich auch nach einiger Zeit noch? Über welche Bilder denke ich länger nach? In meiner neuen Rubrik „Fotos der Woche“ möchte ich Euch Bilder vorstellen, auf die ich in den letzten Tagen aufmerksam geworden bin, die mich berührt oder beschäftigt haben.


Hinweis: Da manche Bilder von den Accountbetreibern gelöscht werden, zeige ich die Screenshots mit Quellenangabe und – wenn möglich – einem Link zur Homepage des Accountbetreibers.


Theodore A Sickles (@uptowneastnyc) arbeitet mit harten Kontrasten in Schwarz-Weiß. Ein Foto, das mir letzte Woche aufgefallen ist, zeigt einen Mann mit Sakko und Krawatte, aufgenommen in der Fifth Avenue. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht, die Augen sind hinter einer Sonnenbrille verborgen. Der Mund sieht leicht verkniffen aus; den Fotografen hat der Mann wohl nicht bemerkt. Das Foto wurde, wie man so schön sagt, „aus der Hüfte geschossen“. Aufgrund des Lichts auf das weiße Hemd entsteht mit dem Sakko und der Krawatte ein grafisches Muster.

Das Foto eines ‚Businessman‘ in New York City wäre an sich nichts Besonderes. Für mich wird das Foto spannend durch die Hochhäuser, die man im Hintergrund sieht. Dort wiederholt sich das Spiel von Schwarz und Weiß, wodurch das Bild insgesamt eine nahezu grafische Wirkung entfaltet. Das weiße Hemd geht in das beleuchtete Gesicht über, was sich dann wiederum zuspitzt in der Fassade des Hochhauses. Die linke Schulter wird sichtbar durch den Kontrast zu einer weiteren Fassade. Der Mann ist auf der linken Seite des hochformatigen Bildes platziert, bewegt sich also aus dem Bild. Außerdem ist das Bild nicht gerade, sondern leicht nach links gekippt, was für Dynamik sorgt. Ich bin eigentlich kein großer Freund dieses Stilmittels, aber hier erscheint es mir sinnvoll, da es die Konzentration weg vom Gesicht auf die stürzenden Fassadenflächen lenkt.


Das Bild zeichnet sich aus durch große schwarze Flächen. Am unteren Rand rechts ist eine gebogene Straßenlaterne zu sehen, die auch von der Sonne angestrahlt wird, und die Frontpartie eines Autos. Vielleicht hätte ich diese Seite stärker beschnitten und Laterne und Auto weggelassen. Aber das ist für mich nebensächlich, da mich die grafische Komposition insgesamt fasziniert.

Das zweite Lieblingsfoto von letzter Woche ist von Martin Rak (@martinrakphoto). Im Hintergrund steht ein Haus auf einer Anhöhe im Nebel. Der Himmel strahlt im Spektrum von Orange bis Blau. Und bläulich sind auch die Bäume im Vordergrund, die von Raureif überzogen sind. In dieses Blau mischt sich aber auch etwas vom Orange des Himmels.

Zunächst ist mir das Bild aufgefallen, weil ich den Ort kenne. Es ist der Hochwald im Zittauer Gebirge. Der Hochwald ist der höchste Berg dieses kleinen Gebirges. Er wirkt von oben wie von unten wenig spektakulär. Aber man unterschätzt leicht seine Höhe und das Besteigen ist am Ende doch anstrengender als gedacht.


Martin fotografiert den Berg in einem Moment, wo die Wolken sehr tief liegen. Die Baumspitzen werden vom Abendrot etwas beleuchtet. Dadurch entsteht für mich eine magische Stimmung. Martin präsentiert das Bild im quadratischen Format, der Horizont ist im oberen Drittel angeordnet, das Haus am Schnittpunkt von oberer und rechter Drittellinie. Insofern ist es ganz klassisch komponiert. Mut beweist er, indem er den Vordergrund den Bäumen überlässt, was wahrscheinlich weniger gut funktionieren würde, wenn sie nicht mit Raureif überzogen wären. Auf jeden Fall wäre ich auch gern in jenem Moment auf dem Berg gewesen, wo man über den Wolken steht – fast schwerelos.


Eine ganz andere Art von Landschaftsfotografie hat Drew Shawver (@drew.shawver) geschaffen. Oder ist es passender, von Street Photography zu sprechen? Zu sehen ist eine Straßenkreuzung bzw. Einmündung. Auf der Straße haben Autos Spuren hinterlassen. Halblinks steht ein Strommast schon auf einer Wiese, wo auch ein Zaun zu sehen ist. Über der Szene liegt leichter Schnee bzw. Raureif. Die Straße verschwindet im Nebel, wo es etwas heller ist. Steht dort ein Haus oder ist dort der Ort Ellensburg zu finden, dern Drew als Geotag des Fotos angegeben hat?

Das Foto ist in einem dunklen, leicht warmen Blauton gehalten. Und es ist schlicht. Das Besondere ist weder der Nebel noch die Farblichkeit. Was mich hier so fesselt, ist das Licht, das der Fotograf nutzt. Die Lichtquelle ist außerhalb des Bildes, vermutlich ist es ein Auto, dass gerade nach links (in das Bild hinein) abbiegt. Deshalb sind der Laternenmast, das Gras am Straßenrand und der Zaun beleuchtet. Aber auch die Leitungen im oberen Teil des Bildes heben sich dadurch vom Himmel ab. Es sind Spuren menschlicher Existenz, die in dem Bild sichtbar werden, ohne dass ein Mensch zu sehen wäre. Das Foto ist auch ein Beispiel dafür, dass das Einfache (hier: die Kreuzung im Nirgendwo) sowohl Schönheit als auch eine geradezu unheimliche Stimmung ausstrahlt.

Welche Fotos sind Euch in der letzten Woche aufgefallen? Welchen Account sollte ich mir mal anschauen? Schreibt mir eine E-Mail oder hinterlasst einen Kommentar.


(c) 2015-2020 by jn

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