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Instagrams neuer Algorithmus


Vor einigen Wochen kündigte Instagram an, die Fotos derjenigen User, denen man folgt, nicht mehr allein in chronologischer Reihenfolge anzuzeigen, sondern auch nach Relevanz zu sortieren. Diese Änderung wurde allerdings nicht sofort wirksam, sondern nach und nach eingeführt. Niemand weiß also genau, ob sein Stream schon verändert wurde oder nicht. Das bezeichne ich als Strategie der langsamen Gewöhnung. Die plötzliche Einführung hätte vielleicht zu mehr Protest geführt.

Interessant ist vor allem, wie der neue Algorithmus wirkt. Instagram behauptete, kein User würde Bilder von Freunden verpassen. Nun konnte ich Folgendes beobachten: In den späten Abendstunden postete ich wie gewöhnlich ein Bild. Oliver Warren, ein Filmemacher und Fotograf, den ich vor einigen Monaten kennengelernt habe und dem ich auf Instagram folge, postet auch um diese Zeit. Zunächst fiel mir nicht auf, dass in meinem Stream kein aktuelles Bild von Oliver auftauchte. Das mag daran liegen, dass ich bei über 600 Personen, denen ich folge, nicht im Blick habe, ob von jemandem ein Bild fehlt. Das würde außerdem voraussetzen, dass jeder User regelmäßig postet und es deshalb auffällt, wenn kein neues Bild zu sehen ist.

Als ich Facebook aufrief, wurde mir Olivers Bild, das er vor einigen Minuten gepostet hatte, sofort angezeigt. Ich öffnete Instagram erneut, um zu kontrollieren, ob mir das Foto wirklich nicht angezeigt wird. Nein, ich konnte es nicht sehen. Erst als ich Olivers Profil aufrief, sah ich sein Foto. Nachdem ich es gelikt habe, wurde es auch in meinem Stream angezeigt.

Oliver und ich sind auf Facebook seit einigen Monaten befreundet. Allerdings haben wir keine weiteren Freunde. Möglicherweise zieht der Instagram-Algorithmus daraus die Schlussfolgerung, dass die Bilder von Oliver nicht relevant für mich sind. Doch woran bemisst der Algorithmus Relevanz? Grundsätzlich lassen sich formale von inhaltlichen Merkmalen der Fotos unterscheiden. Formale Elemente sind die Farbe und das Verhältnis von hellen zu dunklen Flächen. Wenn ich lieber dunkle Fotos mag (und „like“), zeigt mir Instagram dann auch diese an? Reicht das Anschauen des Fotos oder muss ich auch aktiv liken? Inhaltliche Elemente betreffen die Frage, ob das Foto z. B. witzig oder eher ernst ist. Ein Porträt kann eben unterschiedliche Wirkungen entfalten – und zwar auf jeden einzelnen Betrachter. Dass ein Algorithmus diese Wirkung erkennen und vorwegnehmen kann, ist derzeit kaum vorstellbar. Oder doch nicht?

Ein weiterer Punkt bei der Bewertung der Relevanz dürften die Hashtags sein, die Hinweise auf den Inhalt geben könnten. Aber Hashtags werden von den Like-Rittern strategisch eingesetzt und bis zur Grenze ausgereizt – ihr Informationswert ist deshalb gering, im Zweifelsfall sagen sie überhaupt nichts aus. So finden sich unter dem Hashtag #Berlin nicht etwa Stadtansichten, sondern Porträts von mehr oder minder gutaussehenden jungen Menschen, die ihre Körper (oder einzelne Körperteile) zur Schau stellen.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle ergänzen, dass ich Olivers Fotos sehr mag und fasziniert bin von seinem fotografischen Ansatz, die Personen auf der Straße von der Hüfte aus zu fotografieren. Spannend für mich ist vor allem, dass ich bei jedem Foto rätseln muss, ob es eine Aufnahme von einer zufällig auf der Straße laufenden Person ist oder ob Oliver die Person kennt. Aber so weit sind die Algorithmen wohl noch nicht, dass sie erkennen können, warum ich die Fotos von Oliver spannend finde.

#Instagram #Fotografie #Algorithmus #Photography